Nachwort
Solch ein Buch über Berlin hat es noch nicht gegeben. Wir blättern es durch, finden es witzig, erhellend, überraschend und merken auf den ersten Blick gar nicht, dass es hier eigentlich um die Feldforschung zweier Völkerkundler geht, die sich als Fotografen tarnen und uns im Visier haben. Wir sind ihre Indignen. Wir werden erforscht. Das zeitgenössische Phänomen der Berlinerin und des Berliners steht hier unter Beobachtung – wie bewältigen wir unser Leben, auf welche Signale reagieren wir, wie gestalten wir unsere Umwelt, welche Zeichensprache verstehen wir.
Daniel Spehr und Kathrin Schulthess scannen die Stadt, sie sammeln die Zeugnisse der Metropole, sie entziffern unsere Hieroglyphen. Sich wiederholende Muster suchen – das ist die Aufgabe des naturwissenschaftlichen Forschers. Die beiden Schweizer sind aber auch Anthropologen. Anthropologie ist das vergleichende Studium des kulturellen und sozialen Lebens. Wichtigste Methode ist die teilnehmende Beobachtung. Kneipen, Cafés, Flohmärkte und Parks – das ist alles harte Arbeit, denn die charakteristischste Methode während des Feldaufenthaltes ist die teilnehmende Beobachtung, worunter die Integration des Forschers in das Leben einer Gruppe gefasst wird, um ihren Alltag wirklich zu verstehen.
Die Untersuchung wurde holistisch durchgeführt, ganzheitlich. Ähnlich wie in der Soziologie gelangte das Ganze unserer Gesellschaft ins Blickfeld der Fotografen, also nicht einzelne Straßen oder Bezirke, nicht einzelne Bevölkungssegmente.
Daniel Spehr und Kathrin Schulthess haben viele Monate an diesem Buch gearbeitet. Sie sind immer wieder nach Berlin gekommen und haben sich in unterschiedlichen Quartieren niedergelassen. Wir waren die Fremden. Sie haben die Menschen kennengelernt, die in Berlin leben und die Berlin gestalten. Alles war neu für sie. Sie konnten mit offenen Augen und ohne Vorurteile forschen. Aber sie waren gut vorbereitet.
Mit Listen fühlt man sich besser. Listen machen das Leben einfacher. Wir führen Geburtstagslisten, Urlaubspläne, Arbeitspläne, manche haben einen Lebensplan, jeder hat Adresslisten, Einkaufslisten, und Firmen führen Bestandslisten. Die serielle Fotografie ist ohne Listen nicht möglich. Man fühlt, dass es einer systematischen Vorbereitung bedurfte, die Bestandsaufnahme Berlins in diesem momentanen Zustand vorzubereiten. Und dass es ein gehöriger Anteil spontaner, unmittelbarer Entscheidungen bedurfte, dieses Konzept umzusetzen.
Auch die Gestaltung des Buchs erfordert eine klare Übersicht. Die Forschungsergebnisse müssen sortiert, ausgewertet und kategorisiert werden. Die ursprünglich zur Planung notwendigen Listen werden jetzt mit der Realität abgeglichen. Daniel Spehr und Kathrin Schulthess sind Fotografen und gleichzeitig Fotodesigner. Sie haben dieses Buch MADE IN BERLIN auch in Form gebracht. Das entspricht der Arbeit von Archäologen, die ausgraben, reinigen, bewerten, verwerfen und anschließend ihren Bericht schreiben und veröffentlichen.
Spehr und Schulthess stehen ganz in der Tradition von Alexander von Humboldt. Er bereitete sich gründlich vor, sammelte, verglich und wertete gründlich aus. Humboldt lernte den Kupferstich bei Daniel Chodowiecki und am Ende seiner Expedition beschäftigte er für die bildliche Darstellung seiner Reise fünfzig Spezialisten, die allein 1452 Kupferstiche anfertigten. Das ist mit Digitalkameras heute zum Glück einfacher.
Vor seiner Reise nach Amerika bereitete Humboldt sich vor durch Projekte in Kamsford-Könitz, Arzberg und Goldkronach. „Meine Reise ist unerschütterlich gewiß. Ich präpariere mich noch einige Jahre und sammle Instrumente, … dann geht es mit englischen Schiffen nach Westindien
Spehr und Schulthess sammelten ihre Erfahrung vor dem Hauptwerk MADE IN BERLIN mit Büchern über Paris, Buenos Aires und Cuba.
Humboldt entwickelte zudem ein spezifisches Aufzeichnungsverfahren zur Erfassung seiner jeweiligen Forschungsergebnisse, die „Pasigrafie“, eine Schriftzeichensprache, die die geographischen Erscheinungen durch Buchstaben, Richtungspfeile, Symbole und Abkürzungen für Formationen und Gesteine festhielt. Spehr und Schulthess entdeckten Symbolsprachen in den Straßen und Grünanlagen Berlins an oft verborgenen Orten.
Humboldt fertigte Skizzen und Aufzeichnungen selbst unter widrigsten Bedingungen auf dem Orinoco-Fluß oder dem 6310 Meter hohem Chimborazo Vulkan an. Spehr und Schulthess begaben sich in ihrer Feldforschung nach Neukölln, Kreuzberg und in den Wedding. Überall sammelten sie für ihr landeskundliches Werk.
Humboldt wollte dann gern nach Kabul, Samarkand und Kaschmir eindringen. Wohin es die beiden Fotografen ziehen wird, ist uns derzeit noch unbekannt.
Hier endigt sich nun der auf der Hand liegende Vergleich. Humboldt wurde mit einer zu nichts verpflichtenden Pension von 2500 Talern bedacht und zum königlichen Kammerherrn ernannt. Wir drücken Daniel Spehr und Kathrin Schulthess die Daumen, dass ihnen ähnliches widerfährt.
Wieland Giebel






















































































































